Partnerships Under Pressure.

20.09.2021

ZivilKoop auf der ESA Conference 2021

von Alexander Kanamüller und Tabea Schlimbach

Vom 31.08.2021 bis zum 03.09.2021 fand die 15. Conference of the European Sociological Association (ESA) statt. Die ESA wird alle zwei Jahre veranstaltet und erreicht ein internationales soziologisches Publikum. In diesem Jahr musste die ESA unter den Voraussetzungen der Corona-Pandemie in den digitalen Raum verlegt werden. Die Anzahl der Teilnehmenden war dennoch beachtlich: 3921 Soziolog*innen aus 74 Ländern kamen zusammen, um über aktuelle Forschungsergebnisse zu diskutieren und sich miteinander zu vernetzen.

Ein Themenschwerpunkt der ESA waren die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Individuum und Gesellschaft. Auch im ZivilKoop-Projekt haben wir uns mit den Folgen der Corona-Krise auseinandergesetzt. Das Hauptaugenmerk unserer Forschung lag darauf, wie die Zusammenarbeit zu kommunalen Bildungsthemen beeinflusst wird, und dabei insbesondere auf der Rolle zivilgesellschaftlicher Organisationen. Hierfür griffen wir auf die Perspektiven von zwei Akteursgruppen zurück: mithilfe unseres Online-Surveys auf jene der zivilgesellschaftlichen Akteur*innen und auf Basis unserer im Sommer/Herbst 2020 geführten Kommunalinterviews auf jene der lokalen Verwaltungen. Die Ergebnisse dieser quantitativen und qualitativen Datenanalysen präsentierten wir im ESA Research Network 32 Political Sociology.

Die Perspektive der zivilgesellschaftlichen Organisationen

In unserem Online-Survey stellten wir den teilnehmenden zivilgesellschaftlichen Organisationen u.a. die Frage, ob sich deren Kooperationsbeziehungen im Zuge der Corona-Krise verändert haben bzw. ob durch die pandemiebedingten Beschränkungen neue Themen hinzugekommen sind.

Wie zu erwarten,  ist die Mehrheit der zivilgesellschaftlichen Organisationen in ihren Kooperationsbeziehungen von Veränderungen betroffen (siehe Abb. 1). 82,2 Prozent berichten von (teilweisen) Veränderungen in ihrer Zusammenarbeit mit anderen Organisationen. Allerdings machen auch immerhin 15,3 Prozent die Angabe, dass sich ihre Kooperationsbeziehungen im Zuge der Corona-Krise nicht verändert haben.

Abbildung 1: Veränderungen in den Kooperationsbeziehungen zivilgesellschaftlicher Organisationen als Folge der Corona-Pandemie (ZivilKoop Online-Survey)

An dieser Stelle erschien es uns lohnenswert, zu untersuchen, durch welche Merkmale sich diese 15,3 Prozent auszeichnen und was für deren Zusammenarbeit mit anderen Akteur*innen charakteristisch ist. Denn dadurch lassen sich zugleich Aussagen darüber ableiten, welche Eigenschaften zivilgesellschaftliche Organisationen „benötigen“, um keine Veränderungen in ihren Kooperationsbeziehungen durch einschneidende Ereignisse wie das der Corona-Pandemie erfahren zu müssen.

Zunächst einmal zeigen unsere Analysen, dass Organisationen ohne Veränderungen auffällig seltener klassische Vereine darstellen. Dafür sind in dieser Gruppe anteilig mehr Stiftungen, gGmbHs und Initiativen vertreten. Ferner sind Organisationen ohne Veränderungen im Durchschnitt etwa 15 Jahre jünger als Organisationen mit Veränderungen in ihren Kooperationsbeziehungen. Das ist insofern interessant, als dass jüngere zivilgesellschaftliche Organisationen seltener von Problemen bei der Digitalisierung berichten (vgl. Hutter et al. 2021), die in Zeiten der Pandemie für das Aufrechterhalten von interorganisationaler Kommunikation an Relevanz gewonnen hat. Des Weiteren haben in unserem Sample Organisationen ohne Veränderungen deutlich mehr haupt- und nebenberufliche Mitarbeiter*innen. Dieses Ergebnis wird durch den Befund gestärkt, dass zivilgesellschaftliche Akteur*innen mit einer größeren Anzahl haupt- und nebenberuflicher Mitarbeiter*innen mehr Kapazitäten für die Digitalisierung ihrer Arbeit und Angebote besitzen (ebd.). Darüber hinaus stellen wir fest, dass Organisationen ohne Veränderungen auffällig oft im Tätigkeitsbereich der sozialen Dienste aktiv sind. Dazu passt, dass zivilgesellschaftliche Akteur*innen ohne Veränderungen auch bedeutend häufiger angeben, ein*e Träger*in der freien Kinder-, Jugend- und Sozialhilfe zu sein.

Hinsichtlich der Ausgestaltung der Kooperationen mit anderen Organisationen zeigt sich, dass zivilgesellschaftliche Akteur*innen ohne Veränderungen in ihren Kooperationsbeziehungen seltener Informationen und Erfahrungen mit ihren Partner*innen austauschen sowie seltener mit diesen in Gremien und Ausschüssen zusammenarbeiten. Gleichzeitig bieten sie ihren Kooperationspartner*innen viel häufiger fachliche Unterstützung als jene Organisationen, die von Veränderungen in ihren Kooperationen im Zuge der Corona-Pandemie berichten. Zudem zeigen unsere Analysen, dass sie aufällig seltener die Infrastruktur (oder auch andere Ressourcen) ihrer Partner*innen nutzen.

Ein dezidierter Blick auf die Einschätzung der Kommunikation mit aktuellen Kooperationspartner*innen zeigt darüber hinaus, dass zivilgesellschaftliche Organisationen ohne veränderte Kooperationsbeziehungen ihre Kommunikation mit Partner*innen als weniger zeitaufwendig beschreiben. Ferner betrachten sie ihre bisher geschaffenen Kommunikationsstrukturen längerfristig als weniger wichtig.

In Summe ergeben all diese Befunde folgendes Bild: Zivilgesellschaftliche Organisationen, deren Kooperationsbeziehungen sich in Folge der Corona-Pandemie nicht verändert haben, zeichnet wohl häufig Professionalität, Dienstleistungsorientierung und eine gewisse Autonomie in ihren Kooperationen aus. So verfügen sie beispielsweise über eine größere Anzahl haupt- und nebenberuflicher Mitarbeiter*innen, „geben“ in ihren Kooperationen eher als dass sie „nehmen“ und sind weniger stark auf ihre Kooperationspartner*innen angewiesen als Organisationen, die durch die Corona-Krise Veränderungen in ihren Kooperationsbeziehungen erfahren mussten. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass die Kooperationen von eher ehrenamtlich getragenen, nicht so stark im Bereich klassischer sozialer Leistungserbringung arbeitenden sowie weniger autonomen zivilgesellschaftlichen Organisationen in Krisenzeiten vulnerabler sind. Das betrifft wohl vor allem traditionelle Vereine, die häufig auf die fachliche Unterstützung oder auch auf die Infrastruktur ihrer Kooperationspartner*innen zurückgreifen.

Die Perspektive der kommunalen Akteur*innen

Im zweiten Teil unseres ESA-Vortrags wurde auf der Basis von qualitativen Interviews mit kommunalen Akteur*innen diskutiert, welche Konsequenzen der Pandemie diese auf zivilgesellschaftliches Engagement im Bildungsbereich und auf Kooperationsbeziehungen sehen.

Zum einen berichten Mitarbeitende der Kommunen von gemeinsamen Bemühungen, die durch die pandemiebedingten Restriktionen entstandenen Angebotslücken zu füllen. Dabei hätten zivilgesellschaftliche Organisationen viel Einsatz und Kreativität gezeigt und innovative Ideen entwickelt – ob beim Transfer von Angeboten in den digitalen Raum oder bei der Entwicklung von Alternativformaten. Gleichzeitig nehmen sie mit Sorge wahr, dass insbesondere viele informelle Lerngelegenheiten für Kinder und Jugendliche weggebrochen sind. Organisationsexterne hätten kaum Zugang zu Bildungseinrichtungen, ehrenamtliche Aktivitäten kämen weitgehend zum Erliegen.

„Auf der einen Seite nehmen wir wahr, es ist eine große Chance um unsere Angebote vielleicht neu zu denken. Also keine Präsenzveranstaltungen mehr, sondern virtuelle Angebote, kontaktarm oder in Kleingruppen oder wie auch immer, aber viele Anbieterinnen – grade im Bereich der Bildungsarbeit, die davon profitiert, dass man auch soziale Skills lernt – die schwimmen grade natürlich völlig, weil sie sagen: All das, war wir eigentlich sonst so Tolles leisten an Mehrwert, bricht uns grade weg.“

Das alles hatte natürlich enorme Auswirkungen auf die Zusammenarbeit vor Ort, die unter der hohen Unsicherheit ständig wechselnder Bedingungen und Befugnisse stattgefunden hat. Wie die Analysen der Interviews zeigen, gab es zum einen Verschiebungen bei den Kooperationsinhalten. So ging es viel um Informationsaustausch und Unterstützung bei der Bewältigung von Aufgaben und bei der Anpassung an pandemiebedingte Restriktionen. Gleichzeitig wurde weniger an konzeptionellen Ideen und strategischer Ausrichtung gefeilt.

Alles, was in Corona nicht unmittelbar zur Aufgabenerfüllung notwendig war, um irgendwie den Betrieb am Laufen zu halten, hat gelitten. Und dazu gehört am Ende auch die weitere Kommunikation im Bildungsmanagement. Das heißt, wir haben auf Arbeitsebene vielleicht weiter zusammengearbeitet, aber Zusammenkünfte, Austausche mit den Bildungspartnern haben nur punktuell stattgefunden. Das heißt, wir sind in einem zeitlichen Verzug.“

Zum anderen gab es – abhängig von den spezifischen lokalen Bedingungen in den untersuchten Kommunen – Veränderungen im Netzwerkgefüge. In dem Bemühen, die reguläre Bildung in Kitas und Schulen aufrecht zu erhalten, stand oft die Kooperation mit den Bildungseinrichtungen im Vordergrund. Nichtstaatliche Bildungspartner*innen gerieten teilweise aus dem Blick. Gleichzeitig wurden aber auch neue Partnerschaften geknüpft, um die pandemiebedingten Herausforderungen zu bewältigen. Wie nachhaltig diese neuen Netzwerke sind, wird die Zukunft zeigen.

Resümee und Ausblick

Zusammenfassend kann an dieser Stelle beobachtet werden, dass die Pandemie gemeinsame Qualitätsentwicklungsprozesse verzögert hat. Unsere Befunde bestätigen außerdem eine Schwächung zivilgesellschaftlicher, insbesondere ehrenamtlicher Strukturen (vgl. Leopoldina 2020). Wie Netzwerke und einzelne Kooperationsbeziehungen beeinflusst wurden, hing entscheidend von den Bedingungen vor Ort, der spezifischen Ausgestaltung von Kooperationen sowie von den (personellen) Ressourcen und dem Engagement der einzelnen Akteur*innen ab. Spannend wird sein, mehr über die Erfahrungen von zivilgesellschaftlichen Organisationen und ihre Arbeit unter Corona-Bedingungen zu erfahren. Dazu haben wir in den vergangenen Monaten ausführliche Gespräche mit Vertreter*innen von Vereinen und Stiftungen geführt. Erste Analyseergebnisse stellen wir als bald auf dem ZivilKoop-Blog vor.

 

ZivilKoop-Vorträge auf der ESA 2021 (die hier vorgestellten Ergebnisse stammen aus dem ersten Vortrag):

Kanamüller, Alexander; Schlimbach, Tabea; Langner, Ronald; Steiner, Christine (01.09.2021): „Partnerships Under Pressure. Working Together in Communal Educational Landscapes During the Corona Pandemic“ Vortrag. 15th Conference of the European Sociological Association (ESA): Sociological Knowledge for Alternative Futures. Barcelone/Online.

Schlimbach, Tabea (01.09.2021): „Local Policies on School-to-Work-Transitions. How Best to Include Civil Society Organisations?“ Vortrag. 15th Conference of the European Sociological Association (ESA): Sociological Knowledge for Alternative Futures. Barcelona/Online.

 

Literatur

Hutter, S.; Teune, S.; Daphi, P.; Nikolas, A.; Rößler-Prokhorenko, C.; Sommer, M.; Steinhilper, E.; Zajak, S. (2021). Deutschlands Zivilgesellschaft in der Corona-Pandemie. Eine Befragung von Vereinen und Initiativen, ipb working paper series, 3/2021. Berlin: ipb.

Leopoldina (2020): Dritte Stellungnahme. Dritte Ad-hoc-Stellungnahme: Coronavirus-Pandemie – Die Krise nachhaltig überwinden (zuletzt aufgerufen am 13.09.2021)

 

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