TIY Conference 2021

13.12.2021

Übergangsmanagement und -unterstützung während Corona: ZivilKoop auf der TIY Online Conference 2021

von Tabea Schlimbach

Am 2. und 3. September 2021 fand der 28. Annual Workshop des European Networks on Transition in Youth (TIY) statt. Die Tagung (erstmals als Onlinekonferenz) stand unter dem Motto „School-to-work transitions in times of uncertainty“.

Zahlreiche Forscherinnen und Forscher diskutierten ihre aktuellen Forschungsergebnisse zum Thema. Schwerpunkt waren jugendliche Verläufe in Ausbildung, Studium und Arbeit unter den Bedingungen der Covid-19 Pandemie. Hierbei standen vor allem Wechselwirkungen mit „klassischen“ Einflussfaktoren wie Herkunft, Schulabschluss, Gesundheit und Gender im Fokus.

Auswirkungen auf Unterstützungsangebote im Übergang

Mit dem Blick auf Übergangsmanagement und Unterstützungsstrukturen brachte ZivilKoop eine strukturelle Perspektive in die Diskussion ein. Zunächst wurden pandemiebedingte Veränderungen in der beruflichen Bildung (Distanzunterricht und Selbststudium an Berufsschulen, ein massiver Rückgang von Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungsmarkt) und mögliche langfristige Veränderungen diskutiert (Biebeler & Schreiber 2020; Dohmen et al. 2021). Anschließend wurden Ergebnisse der 2020 und 2021 durchgeführten qualitativen Interviewstudien mit Vertreterinnen und Vertretern kommunaler Verwaltungen und lokalen zivilgesellschaftlichen Organisationen vorgestellt. Diese machten deutlich, dass neben der beruflichen Bildung auch übergangsbegleitende Angebote stark betroffen waren. Insbesondere persönliche Eins-zu-eins-Betreuung, Möglichkeiten der beruflichen Exploration (z.B. Praktika, Freiwilligenarbeit) sowie außerunterrichtliche Aktivitäten von Dritten an Schulen mussten größtenteils ausfallen.

Weiterhin berichteten die Interviewten von Konsequenzen der Pandemie auf die Zusammenarbeit zu Bildungsfragen. Einerseits gab es intensive gemeinsame Bemühungen, ein Minimum an Angeboten der Berufsorientierung, der Beratung und der Begleitung des Berufseinstiegs aufrecht zu erhalten, häufig über digitale Ersatzformate. Hierfür wurden task forces eingerichtet und teilweise auch neue Partnerschaften geknüpft, insbesondere aber auch bilaterale Kooperationsbeziehungen nutzbar gemacht. Diese Entwicklung ging andererseits mit Verschiebungen auf inhaltlicher Ebene einher. Konzeptionelle und strategische Fragen mussten hinter dem akut notwendigen Informationsaustausch zurückstecken.

Disruptionen im kommunalen Übergangsmanagement

In drei der vier untersuchten Kommunen bildeten berufliche Übergänge Jugendlicher einen aktuellen Schwerpunkt, wobei sich die Anlässe für das entsprechende Agenda-Setting, die Priorisierung und die Bearbeitung des Themas unterschieden. In einer Kommune identifizierte die Kommunalverwaltung, basierend auf Schulabgangsdaten und auf der Beobachtung von Intransparenz sowie von Parallelstrukturen im Angebotsbereich, dringenden Handlungsbedarf. Übergänge wurden deshalb als strategischer Fokus gesetzt und gezielt neue Koordinierungsformen entwickelt, die sich zum Zeitpunkt der Interviews in der Implementierungsphase befanden.

In der zweiten Kommune geschah die Themensetzung eher temporär als Nebenprodukt einer Kooperation mit einem berufsbildenden Partner. Der Impuls dieses Partners sowie bereits bestehende Aktivitäten mit weiteren Übergangsakteuren aus Verwaltung, Wirtschaft und Bildung wurden zum Anlass genommen, berufliche Bildung zum Schwerpunkt der nächsten Bildungskonferenz zu machen.

Die interviewten Vertretungen der dritten Kommune identifizierten berufliche Übergänge junger Menschen als eine der großen, dauerhaften Herausforderungen vor Ort. Entsprechend pflegen sie eine kontinuierliche, aber in der Intensität variierende Zusammenarbeit in unterschiedlich etablierten Austauschformaten. Darüber hinaus wird das Thema periodisch wiederkehrend als Schwerpunkt auf die Agenda genommen. Ein Mitarbeiter dieser Kommune betont dabei, dass es für eine adäquate und nachhaltige Bearbeitung des Übergangsthemas eines entsprechenden Agenda-Settings und ausreichender personaler Ressourcen bedarf:

„Übergangsmanagement […] ist nichts, was man nebenbei macht. Das ist ein so differenziertes Feld mit so vielen Akteuren und so vielen Herausforderungen, wo ich sage: Da kann ich nicht mal nebenbei so ein bisschen noch drin herumwursteln […] Das hätte man von vornherein sich als Arbeitsschwerpunkt, inhaltlichen Schwerpunkt nehmen müssen.“

Pandemiebedingt fanden die beschriebenen Koordinierungsprozesse verzögert statt. So mussten gemeinsame Veranstaltungen ausfallen und es gab Unterbrechungen bei der Gremienarbeit, inbesondere bei neuen, noch nicht etablierten Austauschformaten. Zudem gerieten konzeptionell-planerische Prozesse ins Stocken. Allerdings gab es keine grundlegenden Veränderungen der beschriebenen übergangsbezogenen thematischen Akzentsetzungen und Strategien.

Potenzial der Zivilgesellschaft in der Krise

Wie die Interviews zeigten, hat die  Pandemie auch die Rolle der beteiligten Akteure im Übergangsgeschehen verändert. Sie waren in unterschiedlicher Weise von Restriktionen betroffen. So konnte beispielsweise die Arbeitsagentur persönliche Beratung nur noch telefonisch anbieten (und musste dabei Hürden wie Digitalisierung und langwierige Verwaltungsabläufe überwinden). Einige Zielgruppen wurden damit nicht erreicht. Vereine hingegen waren schneller handlungsfähig und hatten mehr Spielräume. Zwar gab es in vielen der von uns befragten zivilgesellschaftlichen Organisationen einen fast vollständigen Einbruch der ehrenamtlichen Tätigkeiten. Viele Hauptamtliche konnten aber im Rahmen ihrer sozialpädagogischen Arbeit in Lockdowns schnell wieder persönliche Gespräche und Unterstützung anbieten, die gerade für Jugendliche mit komplexen Problemlagen essenziell sind.

„Wir wurden eigentlich durchgehend trotzdem besucht und viele waren auch sehr dankbar, dass das nicht auch noch wegfällt. Ne? Und auch die Berufsberater der Agentur für Arbeit, die das halt nicht realisieren konnten, zumindest nicht in diesem Rahmen, die ganz viel nur telefonisch machen durften […] die waren darüber auch sehr dankbar, dass wir die Zielgruppe, ja, begleiten können […] Das zeichnet auch soziale Arbeit aus. Dass man das hinbekommt, in solchen schwierigen Situationen trotzdem […] da zu sein, für die Kinder, für die Jugendlichen. […] Wenn ich sehe, die Jobcenter hatten geschlossen, die Arbeitsämter hatten geschlossen, die Behörden hatten geschlossen, ich würde sogar sagen, wir waren vermehrter Ansprechpartner […] Wir waren sogar auch Ansprechpartner für die Ämter!“

So wirkten zivilgesellschaftliche Organisationen oft als Mediatoren zwischen Jugendlichen und öffentlichen Einrichtungen. Außerdem demonstrierten sie in der Krise Schnelligkeit, Kreativität und Innovationskraft bei der Entwicklung alternativer Unterstützungsformen in der beruflichen Bildung und Begleitung.

Gleichzeitig wurde deutlich, dass Kommunen und Arbeitsagenturen zivilgesellschaftliche Akteure mit ihren übergangsunterstützenden Angeboten als Partner noch zu wenig auf dem Radar haben.

 

Die hier vorgestellten Ergebnisse stammen aus dem ZivilKoop-Vortrag auf der TIY 2021:

Schlimbach, Tabea (03.09.2021): Transition management and support during the pandemic. Vortrag. Konferenz „28th Annual Workshop of the European Research Network on Transitions in Youth. School-to-Work Transitions in Times of Uncertainty.“

 

Literatur

Biebeler, H. & Schreiber, D. (2020). Ausbildung in Zeiten von Corona: Ergebnisse einer empirischen Studie zu Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Ausbildungsbetriebe (WISSENSCHAFTLICHE DISKUSSIONSPAPIERE Nr. 223).

Dohmen, D., Hurrelmann, K. & Yelubayeva, G. (2021). Kein Anschluss trotz Abschluss?! Benachteiligte Jugendliche am Übergang in Ausbildung: Studie des FiBS in Kooperation mit der Akademie für Innovative Bildung und Management (aim). FiBS Forum, 76 (zuletzt aufgerufen am 01.12.2021).

 

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